Berlinale-Krümel

Mittwoch, 15. Februar 2012
Die ewige Festivaldiskussion: Welche Filme brauchen ein Festival? Welche Filme braucht die Berlinale? Filmkunst oder Mainstream? Hier, gleich und jetzt meine endgültige Stellungnahme:

Mainstream-Filme haben auf einem Filmfestival nichts zu suchen. Sie haben ohnehin alles, was sie brauchen, z. B. Stars, Geld und Aufmerksamkeit. Ein ernstzunehmendes Filmfestival sollte dazu dienen, beim Publikum und in den Medien Interesse zu wecken für internationale Filme und ihre Macher, die es schwer haben im Business, aus künstlerischen und finanziellen Gründen, aufgrund regionaler Besonderheiten oder staatlicher Repressionen. Ihnen den Weg zu ebnen, damit sie einen Verleih finden und ins Kino kommen, ist die wichtigste Aufgabe für ein Festival. (Und nicht etwa, Stars einzuladen, damit sie auf dem roten Teppich herumhüpfen!)

Merkwürdig: Diesmal fallen die vielen Berlinalebesucher im Stadtbild mehr auf als in den letzten Jahren. Vielleicht, weil sie alle ständig mit ihrem roten Futtersack über der Schulter rumrennen. Vielleicht hat der zivile Preis für den Haferbeutel doch mehr Menschen als früher zum Kauf verleitet. Meine Sammlung ehemaliger Berlinaletaschen, soweit ich sie nicht verschenkt habe, enthält mindestens ein Kunststoffexemplar, das man vermutlich auf dem Sondermüll entsorgen muss, so sehr stinkt es noch nach Plastik. 


Berlinale-Krümel

Dienstag, 14. Februar 2012
Eine schöne Tradition: der Berlinale-Tag ohne Berlinale. Das gönn ich mir seit vielen Jahren. Einfach einen Tag verschwinden – ohne Handy, ohne Notebook. Diesmal sogar mal wieder in Begleitung des aufmerksamsten Ehemannes der Welt, mit dem ich einen vergnügten Tag in Bad Belzig verlebt habe. Inklusive Besuch der Steintherme, Sauna, Massage und Candlelight Dinner im Restaurant der Burg Belzig. Traumhaft leckeres Dreigangmenü! Nach der entspannten Übernachtung auf der Burg und einem üppigen Frühstück bin ich nun wieder fit für den Berlinale-Endspurt und für alle anderen kommenden Sensationen.


Komisch, wie hektisch, verspannt und übernächtigt die Kollegen plötzlich wirken!

Berlinale-Krümel

Montag, 13. Februar 2012
Man glaubt es kaum: Nach der Pressevorstellung im CinemaxX 7 habe ich sage und schreibe drei Euro fuffzig unter meinem Sitz gefunden.
Als ich freudig einer Kollegin davon erzählte, freute sie sich nicht etwa mit mir, sondern meinte, es würde sich mit tödlicher Sicherheit um einen besonders dilettantischen Bestechungsversuch handeln. Typisch für die Situation von Filmjournalisten scheint mir vor allem, dass sie meint, man könne mit 3,50 jemanden bestechen. Immer nach dem Motto: „Alle sind korrupt – wir sind billiger.“

Berlinale-Krümel

Sonntag, 12. Februar 2012:
Als der Friedrichstadtpalast Berlinale-Kino wurde, habe ich geschäumt: So vielen richtigen Kinos in der Stadt geht’s richtig schlecht, und die Berlinale hat nix Besseres zu tun, als schon wieder eine Unmasse Geld in ein defizitäres Revuetheater zu stopfen, ausverschämte Geldverbrennung, da mach ich nicht mit, nie würde ich während des Festivals auch nur einen Fuß … was man Derartiges so dahinsagt im jugendlichen Übermut.
Sorry – ich nehme alles zurück. Gestern hab ich zum ersten Mal im Friedrichstadtpalast einen Film gesehen anstelle von Hupfdohlen und, ich sag es wirklich nicht gerne:
Es hat mir besser gefallen als im Berlinale-Palast.
Man sieht gut, auch in den vorderen Reihen. Die Leinwand ist riesengroß, Ton und Bild sind okay, die Sitzreihen ein bisschen eng, dafür wirkt das Haus im Gegensatz zum Berlinale-Palast auch als Kino großzügig und geräumig, sehr viel atmungsaktiver und entspannter.

Aber was hat der kleine Pinökel genau oben in der Mitte der Leinwand zu suchen?
Vernünftige Entscheidung: Es gibt keine Pressefächer mehr. Vermisst sie jemand? Ich möchte nicht wissen, wie viele tausend Blatt jeden Tag hier verteilt wurden. Jedes Jahr wurden es mehr. Ganze Wälder sind dafür draufgegangen … wer sollte das denn alles lesen?
Stattdessen bekommt man jetzt Tausende von E-Mails. Aber das macht mir komischerweise nix aus. Ich klick einfach weg, was mich nicht interessiert, und habe damit viel weniger Arbeit als mit den Papierstapeln.

Berlinale-Krümel

Sonnabend, 11. Februar 2012:
Dass man auf einem Berlinale-Empfang Rentierschinken essen kann, ist eher ungewöhnlich. Heute geschehen auf dem Empfang des „Indigenous Film Circle“, wo ich das erste Mal samische Trachten live erleben durfte. Inzwischen weiß ich, dass es ein Samisches Filmfestival gibt – mit dem einzigen Drive In-Motorschlittenkino der Welt. Ich habe nicht nur Rentierfleisch probiert, sondern auch Fladenbrot mit gebackenem Lachskaviar (!?) und vor allem hab ich die Infobroschüre mitgenommen, die auf dem Empfang auslag. Eine tolle Idee: Filmleute aus der ganzen Welt, die indigenen Völkern angehören, haben sich zusammengeschlossen. Zu ihnen gehören Maori, Samen, Maya, Inuit, Angehörige der First Nations und viele andere, die gemeinsam dafür arbeiten, dass mehr indigene Filmgeschichten erzählt werden. Mehr dazu auf http://indigenousfilmcircle.com

Gestern hat wieder nach der Pressevorstellung ein einzelner gebuht. Ich glaube, es ist immer derselbe. Hier die Beschreibung: Er trägt ausschließlich schwarze Klamotten, lebt allein in Berlin-Schöneberg, isst ausschließlich an Imbissbuden und auf Empfängen, telefoniert sonntags mit seiner 82jährigen Mutter in Preußisch Oldendorf, er hat zirka 5.000 Filme im Kino gesehen – alles Mist außer vielleicht „Der müde Tod“ (Fritz Lang, 1921) -, er spricht alle Originaltitel korrekt aus („… es heißt Potjomkin!“) und hatte noch nie Sex außer mit sich selbst, weil er sich nicht entscheiden kann, ob er hetero oder schwul ist. Okay, dies alles trifft vermutlich auf 80 Prozent aller Filmkritiker zu, aber trotzdem: Pfui Deibel!

Berlinale-Krümel

Freitag, 10. Februar:
Dialog auf der Damentoilette im CinemaxX: „Jule, hier gibt es nun mal jetzt kein Popcorn, und ich möchte das nicht weiter thematisieren. Mach da bitte nicht wieder ’ne große Nummer draus!“

Im Presseschreibzimmer des Hyatt war ich zunächst beeindruckt: Alle PC-Arbeitsplätze besetzt, viele Menschen aus aller Herren Länder schrieben drauflos, als bekämen sie’s bezahlt – hoffentlich! – und hackten ihre Artikel in die festivalseitig bereitgestellten PCs. Keiner trieb sich in Facebook oder anderen sozialen Auffangnetzen herum, hier und da wurden Mails geschrieben. Dann ergatterte ich ein freies Plätzchen und war gleich im E-Mail-Account eines Kollegen, der offenbar ziemlich viel zu tun hat, wenn man sich an seinem Posteingang orientiert. Ich war artig, hab ihn abgemeldet, ohne auch nur eine Überschrift zu lesen. Armer Junge: am zweiten Tag schon völlig fertig … war wohl ’ne lange Nacht!
Wenn ich noch einmal einen Kerl auf der Leinwand sehe, der melancholisch in die Ferne starrt (Wald, Wiese, Meer), dazu im Off assoziativ vor sich hinschwallt und das Ganze beim offenbar kaum weniger dämlichen Regisseur auch noch als sensible Kunstentäußerung durchkriegt, dann werde ich sofort aufstehen und mit dem Ruf „Zickezacke, Hühnerkacke!“ den Saal verlassen. 

… der Gewinner des Trainingsbären …

Liebe Netzgemeinde, liebe Clip-Welt,

der Sieger meiner kleinen Reihe „Training für die Berlinale“ steht fest, und hier ist er (Tusch!):

Ein Berliner Trainingsbär geht an den Film „Hamster Bob“ für seinen chevaleresken, unbekümmerten Umgang mit Zeit und Raum sowie für die schonungslose Geißelung der Kleintierhaltung.

Eine lobende Erwähnung geht an den Film „Pigloo Papa Pinguin“ für den Humor und die Sensibilität, mit der ein  selbtstbewusstes Pinguinkind seinen alleinerziehenden, verbitterten Vater zu neuer Lebensfreude führt.

Diese beiden Clips waren mit Abstand die beliebtesten. Hier könnt ihr sie noch einmal sehen:

Hamster Bob – eine animierte Amour fou mit viel Geist und Witz


Pigloo Papa Pinguin – das Niedlichste, was die Antarktis zu bieten hat!

Friedenauer Schreibstube
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