Mühevoll zog die junge Sprechstundenhilfe die Praxistür von innen auf. Die neue Schmutzfangmatte – was für ein hübsches Wort! Man sieht förmlich die Jäger des verlorenen Schmutzes – sie war offenbar im Weg.
„Die Tür muss noch abgeschleift werden“, meinte die junge Dame und zerrte an der Klinke.
„Um nicht zu sagen: abgeschliffen“, erlaubte ich mir zu ergänzen. Sie blickte mich aus großen Augen fragend an.
Tatsächlich muss das Wort „abschleifen“ unregelmäßig konjugiert werden. Ich schleife eine Tür ab, ich schliff sie ab, ich habe sie abgeschliffen. Man nennt solche Tätigkeitswörter, bei denen sich durch die Beugung der so genannte Stammvokal verändert, „starke Verben“. Schwach sind Verben, die in allen Formen ihren Stammvokal behalten.
Das Verb „schleifen“ kann entweder stark oder schwach sein, je nach Bedeutung. Es ist schwach und wird regelmäßig gebeugt, wenn es „dem Boden gleich machen“ oder „schleppen“ bedeutet: Mauern werden geschleift, das Kleid schleifte am Boden. Aber ein Messer wird geschliffen. Denn in der Bedeutung „etwas schärfen, glätten“ ist „schleifen“ ein starkes Verb und wird unregelmäßig gebeugt.
Und natürlich ist es wünschenswert, dass sich Sprechstundenhilfen einer geschliffenen Sprache bedienen können -und nicht etwa geschleift reden.

Danke für die scharfe Beobachtung. Wer eine inzwischen verzweifelnde Liebe zur deutschen Sprache hegt, wird durch Dich wieder ermutigt. Es geht nicht nur um sperrige Konjunktive, es geht auch um den Charme zusammengesetzter und damit unglaublich exakter Substantive. Zusammen mit einigen Autoren des Streiflichts der Süddeutschen Zeitung bist Du nun für das Bewahren gepflegter deutscher Sprache mit verantwortlich.
Schön, Dich nun so lesen zu können. Ich verzeihe allerdings der Sprechstundenhilfe – dasselbe Wort, mal schwach, mal stark, das ist nicht user-freundlich.