So spricht Berlin … Balinan füa alle, wa! (1. Lektion)

Wir starten mit einer ganz einfachen Übung. Dafür wenden Sie bitte Ihren Blick der Überschrift dieses Beitrags zu. Hier entdecken Sie problemlos die kurze Silbe „wa“.

Bei dieser Buchstabenkombination, die sich höchstwahrscheinlich aus dem Wort „was“ entwickelt hat, handelt es sich um ein Multifunktionstool zur Belebung von Dialogen. „Wa“ dient im Allgemeinen der Bestätigung in daher so genannten Bestätigungsfragen. Hierbei gibt es eine nahe Verwandtschaft mit folgenden anderen Dialektspezialitäten: gell, woll, nich bzw. nicht wahr – um nur einige zu nennen. Unser Berliner „wa“ hat meist ein sichtbares oder unsichtbares Fragezeichen im Gefolge.
Beispiel: Du kennst doch den Sohn von Kalle, wa?
Allerdings kann das „wa“ in der Praxis auch an jeder anderen Position im Satz eingesetzt werden. In schnellen Erzählungen dient es zudem als Mittel, um das Tempo zu steuern, die Spannung zu steigern und um sich insgesamt dem Gesprächspartner verbal anzunähern.
Beispiel: Ick denk noch, wa, der Alte hatse nich mehr alle, wa, und denn, wa, du gloobßnich, wa, watta jesacht hat, wa!
Auch der Einsatz am Anfang eines Satzes ist üblich und besitzt einen gewissen Charme, besonders in Kombination mit dem auffordernden „ey“. Hier zeichnet die gedankliche Klammer durch ein schließendes „wa“ den Sprecher aus: Man erkennt nicht nur den Wunsch nach Ordnung und Harmonie, sondern auch die souveräne Beherrschung des Dialekts.
Beispiel: Wa ey, dit hättste nich jedacht, wa?
Hängen Sie also hin und wieder ein kleines „wa“ als Bestätigung ans Satzende oder verzieren Sie Ihre Erzählungen hier und da mit einem „wa“. Einfach mal probieren!- Und schon sind Sie auf dem besten Wege zum gekonnten Berlinern.
Bis zum nächsten Mal …
Icke von umme Ecke

Unterwegs mit Akribia Schlau-Meier II

„Und mit diesem Armband kommen Sie auch in unsere Wipplongsch“, meinte der elastische junge Herr, während er mir ein knallblaues Bändchen ums linke Handgelenk wand.

Nun … mittlerweile habe ich mich nolens volens daran gewöhnt, dass kaum noch jemand die Very Important Person Wie Ei Pi ausspricht. Die allermeisten Leute, die als VIP gelten, sind ja keineswegs berühmt und nicht mal prominent, sie sind bloß wichtig. So wie ich. Naja. Möge man also Wipp sagen. Da will ich nicht kleinlich sein, zumal sogar die Dudenredaktion Wipp als einzig zulässige Aussprache für VIP aufführt.
Aber diese Lounge, in der man ja meist nur rumsitzt und nichts machen kann außer Cocktails trinken und schwätzen, weil es zum Lesen zu dunkel ist, lässt viele Menschen aussprachetechnisch scheitern. Sie verwechseln die Lounge am liebsten mit der Longe – das ist der lange Zügel, an dem man Pferde im Kreis führt. Gelegentlich mit der Loge und seit neuestem auch mit dem Lunch. Korrekt gehört es sich, dass ein deutlicher „Au“-Laut mitgesprochen wird, es heißt also „Launge“ mit einem sanften „dj“ am Ende.
Leider sind mittlerweile auch nicht alle ModeratorInnen und RadiosprecherInnen firm im Umgang mit Fremdwörtern. Ich halte jedes Mal den Atem an, wenn auf einem meiner Lieblingssender mal wieder zur After Work Lounge eingeladen wird. Schafft sie’s oder schafft sie’s nicht? Und da isse schon: „Aafter Wörk Longsch“. Ba, wieder daneben.
Hier sollte man nicht zögern, fleißig E-Mails an die betreffenden Sender zu schicken, um sie in angemessener Form darauf aufmerksam zu machen. Oder man hört einen anderen Sender. Zumindest sollte man diesen Missbrauch der Sprache nicht einfach hinnehmen.
„Vielen Dank, dann werde ich jetzt gleich mal …“, ich sah den Jungen prüfend an, „in die VIP-Lounge gehen, auf einen Kaffee.“ Er nickte zustimmend. „Nehmen Sie am besten Expresso mit Kantukki. Die sind hausbacken.“
Ich flüchtete.

Glückliches Zehlendorf …

http://www.tagesspiegel.de/meinung/zehlendorf-hilfe-die-alten-meckern/5864072.html

Zehlendorf – das letzte Paradies für alte Menschen. Hier hört man ihnen zu, hier werden sie beachtet, hier ärgert man sich sogar über sie! Überall werden sie ignoriert, beschimpft, bedroht oder von wilden RadlerInnen auf dem Bürgersteig einfach umgenietet. Aber in Zehlendorf dürfen sie böse Blicke werfen, frech werden und sich vordrängeln. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist, dass ein unterbezahlter Journalist über sie schreibt. Und das kam so:
„Au weia, beinahe vergessen, verdammt, was schreib ich bloß, WAS SCHREIB ICH BLOSS? Mööönsch, bloß noch zwei Stunden bis zur Deadline … keine Panik … man müsste mal was ganz anderes machen. Reissack in China umgefallen? Nö, zu aufregend für Tagesspiegel-Leser. Schwäbische Biofamilien terrorisieren P-Berg – Manno, geht jetzt gar nicht mehr, wird ja gern gelesen, ist nur leider schon ausgelutscht bis zum Getno.
Aber polarisieren muss es, aufjaulen soll sie, die undankbare Meute … wie war das gleich damals im Kreativschreibkurs auf der Volkshochschule: Wenn du was Neues schreiben willst, such dir was Bekanntes und nimm das Gegenteil. Okayyy: Gegenteil von schwäbischer Biofamilie ist Wilmersdorfer Witwe, nee, Klauverdacht, gibt Stress wegen Linie 1, krieg ich womöglich keine Freikarten mehr fürs Grips … Momang, ich hab’s:
Ich schreib was über freche Zehlendorfer Rentner! Dramatische Vorfälle an Imbissbuden durch drängelnde Alte, drohender Generationenkonflikt durch alte Leute mit losem Mundwerk. Und all das ausgerechnet in Zehlendorf, ZEHLENDORF! Wahnsinn, damit komm ich ganz groß raus. Vielleicht mach ich sogar ’ne Serie draus: Zehlendorf – die leider nicht leisen Mummelgreise, Zehlendorf -Terrorausbildung im Seniorenstift, oder Die Rollator-Gang vom Teltower Damm – sie kennen kein Pardon! Das wird die Massen bewegen, das gibt Aufruhr, das gibt Quote. Minimum 100 Kommentare, jawoll! Ab geht er. Kann man als Deutscher eigentlich den Pulitzerpreis kriegen?“
Glückwunsch! Es sind bis jetzt 141 Kommentare (Stand: 21.11.11, 11:38 Uhr)

Sprachgeschluder

„Wir haben den Mut, in großen Linien zu denken“
(Berliner CDU-Chef Frank Henkel lt. Tagesspiegel, 18.11.11)
Herzlichen Glückwunsch, Herr Henkel! Endlich mal ein Politiker, der uns normalen Menschen überlegen ist. Toll! Sie können in großen Linien denken. Wie machen Sie das? In Linien denken ist eine echte Herausforderung. Wie oft habe ich schon in einer Linie gesessen und versucht zu denken! Eigentlich denke ich sowieso lieber in kleinen Cafés als in großen Linien, falls ich’s mir aussuchen darf.
Oder meinen Sie die großen Linien mehr symbolisch, weder geometrisch noch konkret ortsbezogen, irgendwie im übertragenen Sinne bzw. eher bildlich gesprochen oder so? Allerdings erweisen sich diese Linien als durchaus widerspenstig, was ihre Ausstattung mit passenden Adjektiven betrifft. Da gibt es die lange und die kurze Linie, die schmale und sogar die schlanke Linie sowie gerade und gekrümmte Linien, nicht zu vergessen die klare, die harte und die gemeinsame Linie … so viele Linien. Aber große Linien?
Zukünftig sollten Sie in erster Linie darauf bedacht sein, eine einheitliche Linie zu finden und nicht auf ganzer Linie zu enttäuschen.

Büchersprüche


„Die vollkommene Dame wird darauf achten,
dass in den Bücherregalen
die Werke männlicher und weiblicher Autoren
streng getrennt stehen.
Man sollte sie nur dann zusammenstellen,
wenn die Verfasser miteinander verheiratet sind.“
(John B. Gough)

Allen vollkommenen Damen gewidmet, besonders Gabi und Esther …

Unterwegs mit Akribia Schlau-Meier

Mühevoll zog die junge Sprechstundenhilfe die Praxistür von innen auf. Die neue Schmutzfangmatte – was für ein hübsches Wort! Man sieht förmlich die Jäger des verlorenen Schmutzes – sie war offenbar im Weg.

„Die Tür muss noch abgeschleift werden“, meinte die junge Dame und zerrte an der Klinke.

„Um nicht zu sagen: abgeschliffen“, erlaubte ich mir zu ergänzen. Sie blickte mich aus großen Augen fragend an.

Tatsächlich muss das Wort „abschleifen“ unregelmäßig konjugiert werden. Ich schleife eine Tür ab, ich schliff sie ab, ich habe sie abgeschliffen. Man nennt solche Tätigkeitswörter, bei denen sich durch die Beugung der so genannte Stammvokal verändert, „starke Verben“. Schwach sind Verben, die in allen Formen ihren Stammvokal behalten.
Das Verb „schleifen“ kann entweder stark oder schwach sein, je nach Bedeutung. Es ist schwach und wird regelmäßig gebeugt, wenn es „dem Boden gleich machen“ oder „schleppen“ bedeutet: Mauern werden geschleift, das Kleid schleifte am Boden. Aber ein Messer wird geschliffen. Denn in der Bedeutung „etwas schärfen, glätten“ ist „schleifen“ ein starkes Verb und wird unregelmäßig gebeugt.
Und natürlich ist es wünschenswert, dass sich Sprechstundenhilfen einer geschliffenen Sprache bedienen können -und nicht etwa geschleift reden.
Friedenauer Schreibstube
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