Sprachgeschluder

(Aus einer Online-Rezension über den Roman DIE ERDFRESSERIN)

Link zu www.literaturkritik.de
… „Feinfühlig, beinahe psychologisch geschult verdichtet Rabinowich das Dickicht dieses Schicksals, in das vermutlich nicht nur von ihr gedolmetschte Therapiesitzungen einflossen, sondern auch das Schicksal der irischen Sängerin Sinéad O’Connor durchaus Pate gestanden haben könnte. Außerdem lassen sich intertextuelle Bezüge zu Dostojewskis „Idiot“ und „Schuld und Sühne“ sowohl auf der thematischen als auch motivischen Ebene feststellen. Die Sprache des Romans zeichnet sich durch Leichtigkeit und Lebendigkeit aus.  …“

Nun, das lässt sich von dieser Rezension nicht gerade sagen. Jedenfalls kann ich mich nicht für das verdichtete Dickicht dieses Schicksals begeistern. Und viel Lust, das Buch zu lesen, hab ich jetzt auch nicht mehr.

Das alte Thema: DASS oder DAS?

Die deutsche Sprache hält für ihre Fans viele Herausforderungen bereit – aber die größte von allen scheint die Frage zu sein, ob man DASS oder DAS schreibt. Selbst Profischreiber haben damit Probleme. Ich kenne Journalisten, die mit Trefferquoten unter 25 Prozent arbeiten. Dabei lässt sich diese Frage nicht nur logisch, sondern auch ziemlich kurz beantworten. Hier die ultimative Erklärung:

Das kleine Wörtchen DAS ist von der Wortart her
1. ein bestimmter Artikel – Beispiel: das Haus 
2. ein Demonstrativpronomen – Beispiel: Das ist toll!
3. ein Relativpronomen – Beispiel: Ein Kind, das lacht, freut sich.

Für alle diese Wortarten gilt: Sie haben irgendetwas mit Substantiven (oder Nomen oder Hauptwörtern oder Dingwörtern) zu tun. Deshalb kann man statt DAS auch dies(es), jenes oder welches einsetzen:

Beispiel: 
das Haus – dieses Haus
Das ist toll! – Dies ist toll!
Ein Kind, das lacht, freut sich. – Ein Kind, welches lacht, freut sich.

Man ersetzt also Artikel bzw. Pronomen durch ein anderes Pronomen. Wenn man NICHT dieses, jenes oder welches einsetzen kann, muss DASS mit „ss“ geschrieben werden.
Denn: DASS ist eine Konjunktion – ein Bindewort. Es verbindet einen Hauptsatz mit einem Nebensatz.

Beispiel: Ich bin sicher, dass Sie diese Regeln kapieren. 
„Ich bin sicher“ ist der Hauptsatz, „dass Sie diese Regeln kapieren“ ist der Nebensatz. 

DASS kann man nicht durch dieses, jenes oder welches ersetzen. DASS ist nämlich eine ganz andere Wortart als DAS. Wenn man sich das klarmacht, dann muss man nur noch prüfen, ob man dieses, jenes oder welches einsetzen kann. Und schon wird alles ganz einfach: Dieses, jenes oder welches = das.

Und dass Sie das im Nullkommnix verstehen würden, das hab ich schon vorher gewusst!


Neues aus der Texterei

Leider wurde diese Suchanzeige einer Berliner WG inzwischen gelöscht. Schade – ich hätte mich gern gemeldet, um wenigstens einmal in der WohnKüche rumzusitzen. Aber bestimmt treffen wir uns mal auf einer politisch-kritischen Veranstaltung oder beim Nachdenken!

„Wir verorten uns anarchistisch / linksradikal / (pro) queer-feministisch / anti-patriarchal und leben vegan. Auf struktureller Ebene sind wir alle unterschiedlich positioniert, d.h wir profitieren bzw. sind negativ von verschiedenen MachtStrukturen betroffen: hier wohnen sowohl weiblich als auch männlich erstsozialisierte Personen, einige haben einen Mittelklassebackground und andere haben Klassenwechsel erlebt. Eine Person ist negativ von Rassismus betroffen und die anderen drei sind weiß positioniert. Wir setzen uns alltäglich auseinander u.a mit Themen wie Privilegien, Support, Awareness, sensibles Miteinander, Gender – (queer) Feminismen, weißSein, Rassismus, Adultismus, Gewaltfreie Kommunikation etc. Jede_r von uns ist jeweils verschieden weit in den Themen drin und steckt in unterschiedlichen Prozessen.
Wir machen mind. 1 pro Woche einen WG-Abend/Plenum, bei dem wir uns Zeit nehmen emotionale, soziale, organisatorische und andere präsente Themen zu besprechen. Wir versuchen mitfühlend und bedürfnisorientiert miteinander umzugehen. Wir sitzen öfter in der WohnKüche rum, redend, kochend, essend und gehen öfter zu politisch-kritischen Veranstaltungen, denken über Aktionen und Interventionsmöglichkeiten nach.“

Leute, ihr wisst echt, wie man sich amüsiert!


Neues aus der Texterei – Tag der deutschen Sprache 2012

Heute ist Tag der deutschen Sprache – eine gute Gelegenheit, mal mit ein paar Missverständnissen aufzuräumen, die mir als Lektorin im Gespräch mit schreibenden Menschen immer wieder begegnen:

1. Missverständnis: Die deutsche Sprache, das sind Goethe und Schiller! Danach kamen nur noch Nichtskönner – einzige Ausnahme evtl. Thomas Mann.
Dieses Argument kommt meistens von Leuten, die entweder noch nie oder in den letzten 60 Jahren nicht mehr Goethe und Schiller gelesen haben. Merkwürdigerweise lehnen es manche rundweg ab, moderne Autoren (seit ca. 1900) überhaupt zu lesen. Mir begegnen sogar immer mehr Menschen, die schreiben wollen und generell nicht lesen. 

Schrecklich! Merke: Wer erfolgreich schreiben will, muss das Lesen lieben, den Literaturmarkt beobachten, sich mit der Konkurrenz beschäftigen und in der Lage sein, Qualität bei anderen zu erkennen.

2. Missverständnis: Die deutsche Sprache verarmt.
Kann ich so nicht unterschreiben. Welche deutsche Sprache will man hier zur Grundlage nehmen? Die des 18. Jahrhunderts (s.o)? Seitdem hat sich unsere Sprache stark verändert – fürwahr! Aber Veränderung heißt nicht Verarmung, und tatsächlich sind in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten viel mehr neue Wörter in die deutsche Sprache hereingekommen als verschwunden. Unser theoretisch möglicher Wortschatz wird also ständig größer, und wir können durch unser Sprachverhalten selbst dazu beitragen, dass Wörter bekannt bleiben, oder wir können bestimmte Wörter dem Vergessen entreißen, indem wir sie weiter verwenden. Wer kennt heute noch Begriffe wie Tornister, Hagestolz oder blümerant?

3. Missverständnis: Ich muss kompliziert formulieren, damit die Leser sehen, wie gut ich die Sprache beherrsche. Das nennt man dann einen guten Stil. 
Nicht nur bei Autoren, sondern auch in Schule und Universität beliebte Argumentation, um schwer verdauliche Texte zu rechtfertigen. Ganz übel! Wer seine Sprache beherrscht, ist auch in der Lage, sich einfach, klar und verständlich auszudrücken. Und ein eigener Stil entwickelt sich durch ständiges Nachdenken und Schreiben, nicht durch die Verwendung von Schachtelsätzen. Will ich angeben oder will ich verstanden werden?

4. Missverständnis: Das Wichtigste für die deutsche Sprache sind korrekte Rechtschreibung und Grammatik.
Nein! Das Wichtigste ist der Inhalt und das, was ich ausdrücken möchte. Rechtschreibung und Grammatik sind Handwerksmittel, die es erleichtern, Inhalte zu vermitteln. Das wird oft vergessen, so dass Grammatik und Rechtschreibung – nicht nur im Deutschunterricht – zum Selbstzweck werden. Besonders unerfahrene Autoren neigen dazu. Es nützt nichts, wenn ich einwandfrei formulieren und fehlerfrei schreiben kann. Auf den Inhalt kommt es an! Fehler lassen sich korrigieren, wenn die Geschichte stimmt. Aber die Aneinanderreihung korrekt geschriebener Wörter ergibt noch lange keine Geschichte. 

Wer sich wirklich aktiv für die Pflege der deutschen Sprache einsetzen möchte, sollte mehr lesen, mehr schreiben, mehr zuhören und mehr sprechen. Denn die beste Werbung für unsere Sprache sind – wir!

Neues aus der Texterei

Aus aktuellem Anlass:
„Die Olympiade beginnt am 27. Juli 2012.“ So liest man’s hier und dort und ständig, aber es ist falsch. Eigentlich. Denn korrekt müsste es heißen: Die Olympischen Spiele beginnen am 27. Juli 2012, die Olympiade hat schon am 1. Januar 2012 begonnen, denn die Olympiade beginnt immer am 1. Januar. 
Häh?, werdet ihr fragen, wenn ihr aus Süddeutschland kommt, und noch mal für die Berlina: Wat?
Hier die Aufklärung: Das Wort OLYMPIADE bezeichnet die Zeit zwischen den Olympischen Spielen. In der griechischen Antike war das die Grundlage der Zeitrechnung. Seit der Neubegründung der Olympischen Spiele beginnt die Olympiade immer am 1. Januar des Jahres, in dem die Olympischen Spiele (Sommerspiele) stattfinden.

Das also ist die Theorie, die wie alle treuen Freunde ahnen, grau ist. Denn – und hier kommt nun die Begründung für das „Eigentlich“ im ersten Absatz: Irgendwann in den letzten 25 Jahren haben die Sprachwissenschaftler resigniert. Der Begriff wurde so oft falsch verwendet, dass man ihn mittlerweile sogar mit dem Segen des Duden als Synonym für die Olympischen Spiele verwenden darf.

Neue Rechtschreibung – kein Problem! (3)

Das Ende der großen Verwirrung – „ß“ oder „ss“?
Heute habe ich hervorquellenden Auges in meinen Blogstatistiken gelesen, dass ich beängstigend viele Klicks über die gemeinsamen Suchbegriffe „Straße, neue Rechtschreibung“ bekomme. Aha …
Also, ihr Lieben, Fans der deutschen Sprache und Gebeutelte der Rechtschreibreform, jetzt noch mal:
Die Schreibweise des Wortes „Straße“ hat überraschenderweise überhaupt nichts mit neuer Rechtschreibung zu tun. „Straße“ schreibt man mit „ß“, man hat es vor der Rechtschreibreform mit „ß“ geschrieben, und man schreibt es immer noch so. Wenn es Leute gibt, die meinen, man müsse Straße mit „ss“ schreiben, dann schreiben sie es falsch, und sie haben a) sich nicht wirklich um die Rechtschreibreform gekümmert oder b) keine Ahnung von unserer Sprache. Oder sie können nicht in Wörterbüchern oder im Internet nachsehen. 
Noch einmal – und jetzt für alle: „ß“ schreibt man nach einem langen Vokal, dazu gehören auch lang ausgesprochene Umlaute (ä, ö, ü) und Diphthonge oder Zwielaute (ie, ei, eu, au).
Korrekt ist also: Straße (langes A), Gruß (langes U), Grüße (langes Ü), fließen (IE = lang), fleißig (EI = lang), scheußlich (EU =lang), außen (AU = lang), Floß (langes O) usw. Hier hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert! Diese Schreibweise gilt ohne Ausnahmen, also: Der scharfe s-Laut wird im Deutschen nach langen Vokalen (inkl. langen Umlauten und Diphthongen immer (ich wiederhole: immer!) als „ß“ geschrieben. 

Was hat sich also geändert? Was wurde denn hier überhaupt rechtschreibreformiert? Achtung, jetzt kommt’s: Nach einem kurzen Vokal wird der scharfe s-Laut immer (ich wiederhole: immer!) mit „ss“ geschrieben. Bitte jetzt mal kurz nachdenken, dann diesen Satz nochmals lesen. 

Das bedeutet: Tasse und küssen schreibt man immer schon mit „ss“ (kurzer Vokal -> scharfer s-Laut = „ss“) und seit 1996 (!) eben auch bisschen (kurzes I), Tässchen (kurzes Ä), Küsschen (kurzes Ü), muss (kurzes U), Fass (kurzes A). 
Also eigentlich ganz einfach. Keine Ausnahmen. Keine!
Jetzt für die Oberschlauen, die Besserwisser, die ewigen Aber-Sager: Ja, natürlich gibt es auch immer noch das einfache S, das stimmhafte (oder weiche) S, das sich beispielsweise im Kreis herumtreibt oder bei Susi, aber auch im Zeugnis und in der Erkenntnis (Endsilbe -nis in der Einzahl, -nisse in der Mehrzahl). Hier hat sich natürlich gar nichts geändert. Alles wie gehabt.

Dann wollen wir doch mal sehen, wie viele Hits ich in einem halben Jahr über „Straße, neue Rechtschreibung“ bekomme! 

Schreibtipps aus der Schreibstube

Online-Wörterbücher für Szenesprachen/Jugendsprache
Für alle, die mit dem Lesen oder Schreiben zu tun haben, die Deutsch unterrichten oder sich einfach auf dem Laufenden halten wollen – meine persönliche Hitliste:

Platz 1: 
http://szenesprachenwiki.de/words/verzeichnis/?o=l&f=
Liebevoll gestaltet – es macht Spaß, die kleinen Texte zu lesen. Super: umfangreiche Sammlung, die ständig ergänzt wird. Das Projekt von Duden Verlag und TrendBüro dient dazu, die Neuauflage des Buches vorzubereiten, das 2009 unter dem Titel „Neues Wörterbuch der Szenesprachen“ erschienen ist. Hier kann man also selbst mitarbeiten! Der Ferrari unter den online-Jugendsprache-Wörterbüchern! 1a, megacool, endlaser, unfassbar töfte!

Platz 2: 
http://www.fremdwort.de/jugendsprache/jugendsprache-a.php
Als Unterabteilung des kostenlosen Online-Fremdwörterbuchs findet sich hier die Jugendsprache zwischen anderen Fremdwörterverzeichnissen. Ein Portal, das optisch nicht viel bietet und trotzdem informativ ist. Die Erklärungen sind kurz, trocken – wie in einem normalen Lexikon. Die Sparvariante für zielbewusste Leser: nützlich, aber uncool!

Platz 3: 
http://www.goethe.de/Z/jetzt/dejwort/dejwort.htm
Wie alles vom Goethe Institut kompetent und seriös: kleines alphabetisches Verzeichnis (sehr gemäßigter) Jugendsprache zusammen mit umgangssprachlichen Begriffen. Gut: die Beispiele! Geeignet für alle, die Deutsch lernen, DaF lehren und einen Einstieg in die Umgangssprache suchen. Minus: Das Wörterbuch beruht auf bestimmten Texten. Deshalb finden sich hier auch Begriffe, die weder zur Jugendsprache noch zur Umgangssprache gehören. Das irritiert etwas. Insgesamt aber guter Einstieg für Deutschlernende!
 

Und wer sich nur mal kurz aufschlauen will – hier ist der Link zu einem echt krassen Quiz: 
http://www.zeit.de/online/2009/26/quiz-szenesprachen
Viel Spaß!




Berlinerisch – mir und mich

Zu Beginn der heutigen Lektion wieder ein bisschen Berliner Alltagslyrik:

Ick liebe dir, ick liebe dich,
wie’t richtig is, det weeß ick nich
und is mich ooch Pomade.
Ick lieb dir nich im dritten Fall,
ick lieb dir nich im vierten Fall,
ick liebe dir uff jeden Fall.
(Volksmund, Langenscheidt Lilliput Berlinerisch, Berlin und München 2008)

Bekanntlich wird im Berlinerischen gern mal der 3. Fall (Dativ) mit dem 4. Fall (Akkusativ) verwechselt. Dafür hat man den schönen Ausdruck „Akkudativ“ geschaffen, der diese Besonderheit elegant umschreibt.
Der Grund für den lässigen Umgang mit der Deklination liegt sprachwissenschaftlich in der niederdeutschen Herkunft des Berlinerischen. Daneben spielen aber auch klangliche Aspekte eine Rolle. Das Berlinerische hat – wie jeder Dialekt – einen eigenen Sprachrhythmus, und da muss die Grammatik schon mal kreativ angepasst werden.
Aber natürlich gibt es eine seriöse und glaubhafte Erklärung für die scheinbare Verwechselung von „mir“ und „mich“: Im Niederdeutschen wird für beide Fälle die gleiche Form des Personalpronomens verwendet. di/mi bedeutet jeweils dir/dich und mir/mich.
 

Einig ist man sich darin, dass Berliner so sprechen, wie es für sie am leichtesten ist. Deshalb überwiegt bei der Verwendung von Hauptwörtern als Objekt häufig der Akkusativ, besonders wenn er sich so prima mit einer Präposition verbinden lässt, wie z. B. in: „Wat issen mitte Waschmaschine?“ So entstehen durch das Zusammenziehen von Präpositionen und Artikeln neue Wörter: anne, inne, mitte, uffe, vonne … in der männlichen Form mit angehängtem N: Er fährt mitten Fahrrad.

Sobald ein Personalpronomen den Artikel ersetzt, kann man durch Verwendung des Akkusativs immerhin noch ein R sparen: „Wat issen mit meene Waschmaschine?“ Berlinern ist nun einmal eine schnelle Sprache, da kommt es auf jeden Buchstaben an!
Gelegentlich verwechselt der Berliner Fälle absichtlich. „Wat? Wer? Mir?“ – Das ist vollkommen übertrieben, hört sich aber für Berliner Ohren durchaus akzeptabel an, um nicht zu sagen: ulkich.
Zusammenfassend kann man also feststellen: Der Berliner sagt immer „mir“, ooch wenn’t richtich is!



Sprachgeschluder VII

Facebook verwöhnt mich wieder mit personalisierter Werbung und einer besonders gelungenen Überschrift neben dem Heidi-Klum-Foto: 
‚Hauen 9 kg, in 14 Tag‘ 
Aha.
Liebe Leute, wenn ihr schon angeblich auf mich zugeschnittene Angebote ins Netz stellen wollt, dann müsstet ihr doch auch wissen, dass ich nicht nur ein großer Fan der deutschen Sprache, sondern auch unerbittlich pingelig bin, was den Umgang mit Rechtschreibung, Zeichensetzung, Syntax und Grammatik betrifft. Alles andere ist für mich unseriös. Und nebenbei, also echt mal: 9 Kilo in 14 Tagen … wie doof muss man sein, um das zu glauben!