Unterwegs mit Akribia Schlau-Meier III

„Das wäre dann genau das Klientel, das wir ansprechen wollen!“, rief der Redner und weckte mich damit unsanft aus dem Halbschlaf, in den er mich schon mit den ersten Worten seines Power Point-Vortrags zum Thema „Online Marketing“ versetzt hatte.

Nein, Burschi!, dachte ich. Da liegst du komplett falsch, denn 1. ist Klientel weiblich, weil abgeleitet von lateinisch „clientela“, und 2. reagiert eben gerade DIE Klientel, die du vermutlich meinst, sehr allergisch auf solche Sprachschlampereien. Ich zum Beispiel.
Warum in aller Welt, im Universum und darüber hinaus wollen gefühlte 87 Prozent aller Marketingexperten unbedingt Fachbegriffe und Fremdwörter verwenden, die sie nicht beherrschen? Da reden sie von Silo-Millejöhs statt von Sinus-Milieus, planen den „Relongsch“ (s. ASM II zum Thema „Lounge“) oder gar den „Rilansch“ und sie wollen Bereiche autsoßen statt outsourcen. Können diese Vollpfosten nicht wenigstens die Vokabeln ihrer eigenen Fachsprache auswendig lernen?
Pass bloß auf, mein Lieber, dachte ich, du bringst dich hier gerade in eine Lose-Lose-Situation …
„Hat jemand noch Fragen dazu?“ – Ich meldete mich.
„In welches Sinusmilieu würden Sie denn am ehesten IHRE Klientel einordnen?“, fragte ich.
Die Antwort kam prompt: „Also, ich würde das Klientel am ehesten in AB 12, konservativ-etabliertes Millejöh bzw. B 1 – liberal intellektuelles Millejöh, intrigieren.“
Treffer, versenkt – und tschüs!

So spricht Berlin … Balinan füa alle, wa! (2. Lektion)

Das ßett

Heute geht es um einen leicht erlernbaren Aspekt des Berlinerischen, der sich schnell, gut und einfach im Alltag einsetzen lässt.

In Berlin wird der Buchstabe „Z“ vor allem am Wort- und Silbenanfang wie „eszett“ gesprochen, also als scharfes „S“. Der Grund: Wir sprechen sehr gerne schnell und viel, und es ist doch sehr aufwändig und zeitraubend (ßeitraumd), den Mund für ein klar artikuliertes „Zett“ so weit auseinanderzureißen, dass man eine jrüne Jurke quer essen könnte.

Für unser gemütliches ßett ist es vollkommend ausreichend, mit halb geschlossenem Munde einmal kurß durch die ßähne ßu ßischen. Demzufolge heißt es auch: Bahnhof ßoo, ßijarette, ßebrastreifen, ßwei ßitronen, ßuckaßange und ein ßentna ßement. Alles klar?
Achtung! Die vorgenannte Erläuterung bedeutet nicht, dass wir kein Zett sprechen können oder wollen! Es bieten sich durchaus Gelegenheiten, mit einem deutlichen Zett zu protzen, und zwar dort, wo es nicht hingehört – in Fremdwörtern, beispielsweise aus dem Englischen oder Französischen. Deshalb heißt es: Europazenter und Zenktre Frankzeh, wir kennzeln einen Termin, ick beßahle fuffßich zent und jeh innen zeiberschpez.
(Überjesetzung: Europacenter, Centre Francais, wir canceln einen Termin, ich bezahle fünfzig Cent und gehe in den Cyberspace.)
Als extrem albern und daher bei mancher Gelegenheit durchaus als passend gilt die eigentlich unberlinerische Variante „Zurriwurst“ – aber Vorsicht! Nicht alle können sich daran erfreuen. Denn wir alle wissen: Bei die Currywurst hört für viele überßeuchte Balina der Spaß uff.
Bis ßum nächsten Mal!
Icke von umme Ecke

Nicht vergessen … nix wie hin!

Nicht vergessen …

Der Treffpunkt für alle, die schreiben oder schreiben wollen:
Friedenauer Autorenstammtisch am 7. Dezember um 17.00 Uhr
im Hell oder Dunkel, Laubacher Straße 28 in Berlin-Friedenau (Nähe Bundesplatz).
Diesmal ist der Reporter Rolf Kremming als Experte zu Gast.
… nix wie hin!